Montag, 20. Juli 2009

Revolution?

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Dass Geocaching inzwischen zur Massenbeschäftigung geworden ist, an der nicht mehr nur computeraffine Spinner aus einer höheren Bildungsschicht teilnehmen, hat auf der anderen Seite Begehrlichkeiten danach geweckt, mit Geocaching Geld verdienen zu wollen.

Waren es anfänglich vielleicht nur ein paar Enthusiasten, die mit dem Vertrieb von Trackables und Aufklebern in Deutschland eher die Community fördern als Geld verdienen wollten, hat der Geocaching-Hype mittlerweile dazu geführt, dass neben Groundspeak Inc. und Garmin auch andere Leute ein ordentliches Stück vom Kuchen abhaben wollen.

Nach den teilweise missglückten Verkaufsshows während des G.A.M.E. Mega-Events in Bremen erreicht die Kommerzialisierung des Geocachings nun einen vorläufigen Höhepunkt. „Das war ja abzusehen“, wird der Leser oder die Leserin jetzt wohl sagen. Ja, das war es tatsächlich. Nichts anderes habe ich behauptet. Und mich gewundert über die hunderte von Geocachern, die sich dennoch zur B2C-Veranstaltung von Garmin angemeldet haben, um nach Essen zu pilgern wie weiland die Katholiken zum Heiligen Rock von Trier.

Übersehen haben sie dabei, dass die Veranstaltung, anders als zum Beispiel die Mega-Events in Bremen und Salzburg, nicht von Mitspielern ausgerichtet wird, sondern von einer Agentur für Sportmarketing. Auf der Website der Agentur „Sportfaktor“ ist deutlich zu sehen, woraus der Kern des Geschäftsmodells besteht: Geocaching. Sportfaktor-Mitinhaber Matthias Höfer, ansonsten Skilehrer, Hansdampf in allen Gassen und laut eigenen Angaben selber Geocacher, hat Geocaching als Einnahmequelle entdeckt. Wie in anderen Sparten längst üblich, organisiert Höfer eine Kongressmesse rund ums Dosensuchen. Aber eben nicht aus altruistischen Motiven oder Spaß an der Sache. Sondern weil genau das sein Business ist.

There ain’t no such thing as a free lunch”, sagen Volkswirte. Und meinen damit, dass für eine Person oder Gesellschaft etwas nie wirklich kostenlos sein kann. Selbst wenn es den Anschein hat, dass etwas kostenlos ist, gibt es immer Kosten für die Person oder die Gesellschaft als Ganzes, auch wenn diese Kosten versteckt oder verteilt sein können.

Schließlich hat der eine oder andere Geocacher das nun endlich auch gemerkt, obwohl der wie immer gut informierte ksmichel bereits vor einiger Zeit darauf hingewiesen hatte. Nachdem am Wochenende im grünen Forum jemand darauf aufmerksam gemacht hat, dass zwar der Besuch des „GPS Festivals“ kostenlos ist, die Teilnahme am Geocaching-Wettbewerb (99,– €), der Kongress (49,– €), die B2B-Fachkonferenz (169,– €) und das Geocaching auf dem Eventgelände (15,– €) gebührenpflichtig sind, haben dutzende der angemeldeten Teilnehmer ihre „Will attend“-Logs widerrufen.

Die Reviewer, bei denen die ebenfalls zahlreichen SBA-Logs auflaufen, sind machtlos. Denn der Event und das Listing samt Mega-Status sind von Groundspeak direkt verordnet worden. Als Teil der gemeinsamen Marketing-Aktivitäten von Groundspeak und Garmin.

Wir beobachten hier einen Effekt, den alle „Trendsportarten“ zuvor durchlaufen haben. Windsurfing in den 80ern oder Sporttauchen in den 90ern sind anschauliche Beispiele für den typischen Verlauf eines solchen Hypes: Zunächst üben nur einige wenige „Freaks“ diese Beschäftigung aus und bleiben dabei unbeachtet, solange die Medien nicht darüber berichten. Einzelne Medienberichte stilisieren die Gründerväter eines Sports zu Trendsettern. Damit beginnt der Hype und das allgemeine Interesse wie auch das der Medien wächst.
In der Phase der größten Popularität geschehen dann zwei Dinge:

1. Geschäftsleute versuchen, mit dem neuen Trend Geld zu verdienen. Was zuvor den Bastelkünsten der „Freaks“ zu verdanken war, wird nun industriell gefertigt. Rund um das neue Hobby entstehen Accessoires und Ausrüstungsteile in immer neuen Facetten. Produktzyklen werden kürzer und der vorher nahezu kostenlose Spaß wird teuer.

2. Es werden neue, zusätzliche Regularien eingeführt, die das Verhalten der Teilnehmer steuern sollen. Beispiel Sporttauchen: Obwohl es in Deutschland keinerlei gesetzliche Verpflichtung gibt, einen Tauchschein zu besitzen, verlangen Tauchshopbesitzer wie Gewässer- und Bootseigentümer ein Brevet, bevor sie jemanden ins Wasser lassen. Selbst wenn jemand vielleicht schon seit 20 Jahren Druckluft atmet, wird der Abschluss eines Tauchkurses verlangt, der natürlich Geld kostet.
Neben diesen ausschließlich durch Kommerz bestimmten Beschränkungen des Sports gibt es bei Massensportarten regelmäßig auch Bestrebungen von Behörden, der Ordnung halber regulierend einzugreifen.

Nach einer längeren Phase der Konsolidierung, in der sich auch die Spreu vom Weizen trennt und unseriöse oder unsinnige Geschäftsmodelle wieder vom Markt verschwinden, folgt dann der langsame Abschwung. Das Hobby ist akzeptiert, aber nicht mehr „in“. Und diejenigen, die es ausüben, sind keine Freaks mehr, sondern „normale“ Leute. Es sind mehr als zu Anfangszeiten, aber nur noch ein Bruchteil derer, die es zu Spitzenzeiten waren. Der Markt ist gesättigt, es kommt zu einem Verdrängungswettbewerb, Innovations- und Produktzyklen verlangsamen sich und streben schließlich gegen null.

In welcher Phase sich Geocaching gerade befindet, liegt auf der Hand. Der Hype ist voll da, mit noch leichtem Wachstumspotential, und die Kommerzialisierung setzt gerade ein.

Die Frage ist: Wollen wir das?
Lassen wir es zu, dass Unternehmen wie Groundspeak oder Garmin bestimmen, wie man das Spiel spielt und womit man das tut? Man stelle sich mal vor, ein einzelner Hersteller von Surfboards hätte das ausschließliche Recht, zu bestimmen, wie, wo und womit man surfen darf und was es kostet. Für mich undenkbar, beim Geocaching aber Realität.

Und wie geht es weiter? Warten wir ab, bis der Hype vorüber ist und der Ausverkauf von Geocaching beginnt? Meine Prognose lautet ja nach wie vor, dass spätestens an dem Punkt, wo das meiste Geld verdient ist und keine Zuwächse mehr zu verzeichnen sind, geocaching.com von Groundspeak an Garmin verkauft wird.

Aber wem gehört das Spiel eigentlich? Und wer bestimmt die Regeln, nach denen es gespielt wird? Es sind doch unsere Caches, wir sind die Eigentümer. Also sollten wir auch diejenigen sein, die die Regeln bestimmen.

Was kann jeder Einzelne also tun?

1. First rule of geocaching: You do not talk about geocaching.
Es gibt genügend Geocacher (und in den meisten Gegenden auch genügend Caches). Aber nur, wenn immer neue hinzu kommen, werden die Cacher zur attraktiven Zielgruppe für die Industrie. Also ziehe nicht missionierend durch die Lande und versuche nicht, jeden Deiner Nachbarn zum Geocacher zu machen.

2. Gehe nicht zu Mega-Events.
Massenveranstaltungen sind Ausdruck einer Massenbewegung. Der monatliche Klönschnack mit 20 Teilnehmern in einem Steakhaus in Hamburg-Eimsbüttel hingegen ist wohl kaum dazu geeignet, das Profitstreben vermeintlich cleverer Geschäftsleute zu inspirieren.

3. Entziehe Groundspeak das Monopol.
Die Franzosen haben es vorgemacht: Ein Großteil der bei geocaching.com gelisteten Caches in Frankreich stammt vermutlich nicht von Franzosen, sondern von Touristen oder Fremdarbeitern aus Großbritannien oder Deutschland. Die Franzosen haben ihre eigene Plattform für ihre Kistchen: cistes.net
Es schadet Groundspeak nicht, wenn Du Deine Caches dort archivierst. Im Gegenteil, denn das würde deren Ressourcen schonen und letztlich nur die anderen Spieler behindern. Aber warum sorgst Du nicht dafür, dass opencaching.de zur deutschen Geocaching-Plattform Nr. 1 wird und damit zur ernsthaften Konkurrenz für Groundspeak?

4. Drehe ihnen den Geldhahn zu.
Gemeint sind nicht die mickrigen 20 US-Dollar Jahresbeitrag. Die reichen der Firma vielleicht zum Betrieb der Server, und schließlich bekommst Du als Cacher ja auch eine Gegenleistung.
Aber richtig verdienen tut Groundspeak an den Gebühren für die Trackables. Die dürften jährlich einen siebenstelligen Gewinn abwerfen, ohne dass die Cacher dafür eine entsprechende geldwerte Leistung erhalten. Trackables sind für Groundspeak wie eine Lizenz zum Gelddrucken.
Kaufe also keine Trackables mehr und transportiere sie auch nicht, wenn Du sie findest. Du triffst Groundspeak damit an ihrer empfindlichsten Stelle. Vielleicht wird die Firma endlich auf die Bedürfnisse der Spieler eingehen, wenn sie merkt, dass die Community nicht mehr alles hinnimmt, was sie sich ausgedacht hat, um Geld zu verdienen.

5. De-hype das Spiel.
Der verlegefertig gekaufte Geocachebehälter, das als Massenware produzierte Mini-Logbuch mit GC-Logo, Groundspeak-Aufkleber auf jedem Auto, Groundspeak-Aufnäher auf den Klamotten, das Bergseil in den Groundspeak-Farben -– merkst Du eigentlich noch was?
Jedesmal, wenn Du solchen Mist kaufst, anstatt handelsübliche Teile zu benutzen oder selber ein wenig zu basteln, verdienen andere daran mit. Und drehen weiter an der Schraube, die zu immer mehr Kommerzialisierung führt. Musst Du wirklich jedes Jahr einen neuen GPS-Empfänger haben, nur weil die neueste Variante eine noch bessere 3D-Darstellung hat? Mach Schluss damit. Und sorge dafür, dass Geocaching wieder (annähernd) kostenlos wird.

Geocaching war mal unser Spiel. Warum holen wir es uns nicht wieder zurück?

P.S.: Nein, ich bin kein Kommunist oder sowas. Ich habe auch nichts gegen freie Marktwirtschaft oder gegen Leute, die mit guter Arbeit gutes Geld verdienen. Ich habe aber etwas gegen Monopolisten.