Mittwoch, 13. Januar 2010
I couldn’t care less
Alex Schweigert hat als Erster darauf hingewiesen: Garmin Deutschland und der Deutsche Wanderverband, zu dem auch die Deutsche Wanderjugend — und damit auch opencaching.de — gehört, haben eine gemeinsame Erklärung in Sachen „naturverträgliches Geocaching“ publiziert. Und sich damit zum Sprachrohr der deutschen Geocaching-Community aufgeschwungen. Eine Position, die weder dem Unternehmen noch dem Verband zukommt.
Das sogenannte „Positionspapier“ macht allerdings deutlich, wohin die Reise gehen könnte: Mit der Wanderjugend wird die neben geocaching.com zweite relevante Geocaching-Plattform in die unternehmerischen Aktivitäten des Navigationsgeräteherstellers einbezogen.
Das deutet darauf hin, dass Garmin das strategische Ziel verfolgt, eine Monopolstellung in Sachen Geocaching zu erreichen. Es steht zu vermuten, dass das Unternehmen mittelfristig (nach einer Prognose von Experten bis zum Jahr 2012) die kommerzielle Plattform (Groundspeak Inc.) aufkaufen und in sein Portfolio integrieren wird. Dort, wo dies nicht möglich ist (Opencaching) beginnt Garmin bereits jetzt damit, Einfluss zu nehmen und sukzessive weiter auszubauen, um später auch die offenen Teile der Community dominieren zu können.
Um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, ist es allerdings geboten, bereits frühzeitig und nachhaltig den Nimbus eines umweltschonenden Freizeitvergnügens zu generieren, der durch unverantwortliches Verhalten einzelner (oder vieler?) Geocacher bedroht scheint.
Das Positionspapier könnte den Beginn einer Social-Marketing-Kampagne markieren, die das Ziel hat, diese Unternehmenshaltung im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu manifestieren.
Auf den ersten Blick erscheint das durchaus positiv und im Sinne der Community. Bei differenzierter Betrachtung fallen allerdings zwei Dinge ins Auge:
1. Weder den Wanderfreunden noch der Firma Garmin kommt augenblicklich die Position zu, derart kategorische Forderungen zu formulieren.
Das weitaus größere Marktsegment dürften wohl Kfz-Navigationssysteme sein, und es drängt sich förmlich die Frage auf, warum Garmin nicht, etwa gemeinsam mit dem ADAC, an erster Stelle vergleichbare Forderungen für Autofahrer formuliert hat: Nicht auf dem Radweg parken, das Altöl nicht in den Gulli kippen, beim Knutschen mit der Ische nicht den Motor laufen lassen und nachts in Wohngebieten nicht mit den Türen knallen.
2. Das Papier ist nicht geeignet, eine Bewusstseins- oder gar Verhaltensänderung bei denjenigen Geocachern auszulösen, die gegen die genannten Punkte gelegentlich oder regelmäßig verstoßen.
Die Veröffentlichung, die geradezu Proklamationscharakter besitzt, könnte sogar zu einem Imageschaden für Garmin führen, wenn die einschlägig ausgewiesenen Umweltverbände eine Gegenkampagne starten, in der die vermutlich ziemlich negative Umweltbilanz unseres Hobbys herausgearbeitet wird.
Denn machen wir uns mal nichts vor: Die wenigsten Geocacher gehen zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf Tour. Nicht wenige legen weite Strecken — oft auch als Alleinreisende — mit dem Auto zurück, nur um einen bestimmten Cache zu suchen oder an einem Event teilzunehmen.
Über das gesetzliche Betretungsverbot von Naturschutzgebieten wird sich ebenso geflissentlich hinweggesetzt, wie über das Verbot zum Verlassen der Wege im Wald nach Einbruch der Dunkelheit. Und selbst das Beklettern von Bäumen in Naturschutzgebieten wird mit der hanebüchenen Rechtfertigung akzeptiert, dass der Baum ja am Weg stünde.
Das Image der naturliebenden, naturschützenden und umweltschonenden Geocacher ist ein potemkinsches Dorf. Kommt es dazu, dass Umweltlobbyisten, Jäger, Angler und andere etablierte Naturnutzer sowie die zuständigen Behörden sich einig sind, fällt die Fassade und der Imageschaden für alle Beteiligten könnte dramatisch werden.
Gleichwohl ist es nicht Sache eines Herstellers von Navigationsgeräten, Forderungen nach einer umweltgerechteren Nutzung seiner Produkte zu erheben. Und es gibt auch weder öffentlichen noch politischen Druck, der einen solchen Vorstoß zu diesem Zeitpunkt rechtfertigen würde. Das Unternehmen sollte sich auf die umwelt- und ressourcenschonende Produktion und Entsorgung seiner Geräte beschränken. Gesellschaftliche Akzeptanz und Vertrauenswürdigkeit — wichtige Erfolgsfaktoren für ein Großunternehmen — werden durch überflüssige und fehlgehende Positionspapiere mit derart verschwurbelten Formulierungen nicht eben gesteigert. Man lasse sich nur mal den folgenden Satz auf der Zunge zergehen: „Gesetzlich geschützte Biotope sind Lebensräume für Tiere und Pflanzen, die allein aufgrund ihrer Existenz gesetzlich geschützt sind und keiner rechtlichen Schutzgebietsausweisung bedürfen.“ Es ist wahr, weil es wahr ist, und das ist wahr. Definiendum = Definiens.
„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ (Ludwig Wittgenstein)
Die ebenfalls durch eine Social-Marketing-Kampagne ausgelöste PR-Krise der Deutschen Shell-AG im Jahr 1995 hat den Weg in verschiedene Diplom- und Doktorarbeiten gefunden, der Fall Brent Spar wurde zum Lehrbuchbeispiel dafür, wie einem Unternehmen bei einem emotional aufgeladenen und polarisierenden Thema wie dem Umweltschutz die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zum Verhängnis wird.
Wir erinnern uns: Die Deutsche Shell-AG hatte im Frühsommer 1995 eine Kampagne („Wir kümmern uns“) gestartet, um sich von den Mitbewerbern abzuheben und anstelle einzelner Produkte die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens in den Mittelpunkt der neuen Kommunikationsstrategie zu stellen.
Greenpeace reagierte mit einer Gegenkampagne, die in der Nicht-Versenkung der Ölumschlagplattform Brent Spar gipfelte (die dem britischen Konzernzweig gehörte, auf den niemand in Deutschland Einfluss hatte) und durch drastische Umsatzeinbußen, Markenboykott und Anschläge auf Shell-Tankstellen in Deutschland gekennzeichnet war. Zwar mussten die Umweltaktivisten später einräumen, dass die geplante Versenkung der Brent Spar tatsächlich deutlich umweltfreundlicher gewesen wäre als deren anderweitige Verwertung und die Brent-Spar-Kampagne von Greenpeace auf falschen Grundannahmen beruhte. Aber das interessierte dann schon kaum noch jemanden.
„I couldn’t care less“, kommentierte ein Leser den oben genannten Artikel bei geocaching-nordfriesland.de, und dies kennzeichnet vermutlich die Haltung großer Teile der Community: Die einen scheren sich nicht darum, ob Garmin, die Wanderfreunde oder sonstwer da irgendetwas geschrieben haben. Und die anderen nicht darum, was geschrieben wurde. Denn eigentlich handelt es sich dabei lediglich um eine Zusammenfassung der ohnehin bestehenden gesetzlichen Regelungen, deren Einhaltung eigentlich für jedermann eine Selbstverständlichkeit sein sollte.
Belanglose Worthülsen also. Oder nicht?