Frederik Röder ist ein umweltfreundlicher Mensch. Herr Röder ist der Bürgermeister von Alling, einem 3.600-Seelen-Ort irgendwo in Bayern, im Niemannsland zwischen Sonderflughafen Oberpfaffenhofen und dem Flugplatz Fürstenfeldbruck, der bislang allenfalls durch den missglückten Befreiungsversuch der Olympia-Geiseln von München im Jahr 1972 Schlagzeilen machte.
Eine Schlagzeile, wenigstens eine ganz kleine, bekam Frederik Röder am 1. April 2010 in der Lokalausgabe Fürstenfeldbruck der Süddeutschen Zeitung: “Geocacher ärgern Jäger”, stand dort. Gefolgt von der Unterzeile “Elektronische Schatzsucher verscheuchen Waldtiere”. Das gefällt dem mit 80 % der Stimmen wiedergewählten CSU-Bürgermeister, der vielleicht gerne auch mal einen Bock schießt, offenbar nicht: Waldbauern und Jäger seien verärgert über GPS-Schnitzeljagden in den Wäldern bei Holzhausen. Weil die Teilnehmer an dem neuen Suchspiel zunehmend nachtaktiv seien, würden immer wieder Tiere verscheucht oder zumindest in ihrer Nachtruhe gestört, ließ sich Röder nach der 26. Gemeinderatssitzung vom 23.03.2010 in der Zeitung zitieren.
Der im zweiten Teil des Artikels veröffentlichte (und im Protokoll der Gemeinderatssitzung zu TOP 16 festgehaltene) Aufruf, Spaziergänger sollten die Augen nach Cacheverstecken offenhalten und diese zerstören und die Cachebehälter mitnehmen, ist unüberlegt und dumm. Würde dem tatsächlich Folge geleistet, bedeutete dies, dass Spaziergänger wie die Wildsäue durchs Unterholz brechen, den Wald umgraben und dabei alles entfernen, von dem sie meinen, es gehöre dort nicht hin. Nur die Tatsache, dass es in der fraglichen Region eigentlich kaum Caches gibt, relativiert die tumbe Tabularasa-Forderung des Gemeinderatsvorsitzenden: Im Holzhausener Forst gibt es gerade mal einen einzigen Traditional Cache.
Nachtcaches gibt es in Alling übrigens keinen einzigen, insofern handelt es sich hier wohl insgesamt eher um einen Sturm im Wasserglas. Die nächsten Nachtcaches befinden sich in Fürstenfeldbruck (2), in Gilching (2) und in Germering (1). Da liegt die Vermutung nahe, dass die Herren Jäger vielleicht nur die dumme und überflüssige Hetze aus der Februar-Ausgabe der Deutschen Jagdzeitung (DJZ) nachplappern?
Übrigens: Das Zerstören eines Cachebehälters ist Sachbeschädigung, das unbefugte Entfernen ist Diebstahl. Ein politischer Mandatsträger, der öffentlich zum Vandalismus auffordert, hat eventuell eine Nachschulung in Staatsbürgerkunde nötig? (Der verantwortliche Redakteur, der die Aufforderung zu einer Straftat auch noch druckt, übrigens auch – und noch dazu in Sachen Presserecht.)
Bürgermeister Röder jedenfalls sollte es besser wissen. Schließlich hat sein Gemeindeblatt in der Ausgabe 159 am 4. Dezember 2008 Frau Sonja Gaja zur bestandenen Prüfung als Biberbeauftragte gratuliert. Eben jener Diplom-Sozialpädagogin, die ihre Masterarbeit über “Umweltgeocaching” geschrieben und für das damit verbundene Projekt eine Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt erhielt. Im Förderplan der DBU für das Jahr 2009 heißt es:
Projekt: “Umweltgeocaching: Umweltbildung mit ungewöhnlichen Methoden für eine ungewöhnliche Zielgruppe”
Sonja Gaja absolviert den Masterstudiengang “Umwelt und Bildung” in Rostock und schreibt ihre Abschlussarbeit zum Thema “Geocaching”. Der Studiengang ist jedoch ihre Freizeit, da sie als Sozialpädagogin Vollzeit bei den ausbildungsbegleitenden Hilfen arbeitet. Die Projekte sind bisher ehrenamtlich. Seit etwas mehr als 9 Jahren gibt es Geocaching, laut Sonja Gaja aber weniger mit umweltpädagogischen Hintergrund. Geocacher sind meist zwischen 17 und 35, technikinteressiert und beschäftigen sich wenig mit der Natur um sie herum. Sie möchte einen “Cache” für die Landkreise Fürstenfeldbruck und Starnberg entwickeln mit Informationen zur Umwelt in den versteckten Rätseln.
Kooperation mit BUND und der deutschen Wanderjugend, die die größte Internetplattform zum Geocaching betreibt (sie wird die Caches speziell als Umweltcaches ausweisen).Für die Verstecke sollen Geo-Coins des BUND geprägt werden.
Einer der Geocaches der aus dem Projekt der Biberbeauftragten Sonja Gaja befindet sich tatsächlich auf dem Gemeindegebiet ihres Heimatortes: Umweltgeocache #9: Die Allinger Biberrunde.
Auch Bürgermeister Röder erwies sich bereits als echter Biberfreund: Er erhielt 2007 die erste Biber-Patenschaftsurkunde des Bundes Naturschutz in Bayern e. V. als Zeichen vorbildlichen Handelns zum Schutz des Allinger Bibers “Freddy”.
Lieber Herr Bürgermeister,
ich finde, Sie sollten vor der nächsten Gemeinderatssitzung sicherheitshalber jemanden fragen, der sich mit den Dingen auskennt, bevor Sie sich womöglich noch um Kopf und Kragen reden. Noch einmal kurz die Fakten zusammengefasst – nur für den Fall, dass Sie eventuell echte Größe zeigen wollen, die Sie bestimmt besitzen (schließlich machen Sie als Finanzdienstleister einen Jahresumsatz von 40 Millionen Euro), und eine Richtigstellung verkünden möchten:
- Geocaching ist nicht neu. Wir machen es seit zehn Jahren. Die Tatsache, dass es so lange gedauert hat, bis Sie davon erfahren haben, spricht Bände — nicht unbedingt gegen Sie, aber auf jeden Fall für uns.
- Es gibt keine Nachtcaches in Alling.
- Die von Ihrer Mitbürgerin Sonja Gaja initiierten Umweltgeocaches, von denen es einen auch in Alling gibt, sind eine von der Bundesumweltstiftung geförderte Umweltbildungsmaßnahme.
- Der Bund Naturschutz in Bayern e. V., mit dem Sie eine Patenschaft eingegangen sind, veranstaltet Seminare, bei denen Jugendgruppenleitern gezeigt wird, wie man aus Jugendlichen Geocacher macht. Das nächste übrigens am kommenden Wochenende im 20 Kilometer entfernten Herrsching am Ammersee und unter der Leitung der bereits erwähnten Frau Gaja. Gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit.
- Die schärfste Bedrohung des Waldes sind nicht die Waldbesucher, sondern die Landwirte. Landwirtschaftliche Emissionen belasten den den Wald mittlerweile mehr, als die schwefelhaltigen Abgase von einst.
O.K., Punkt 5 werden Sie, Herr Bürgermeister, sicherlich nicht öffentlich verkünden wollen, denn Ihre Gemeinde besteht ja mehrheitlich aus landwirtschaftlichen Betrieben. Weshalb Tourismus bislang auch keine Einnahmen in die Gemeindekasse erbringt. Aber vielleicht besitzt das, was andere Gemeinden in Bayern in Sachen Geocaching veranstalten, ja doch ein wenig Anschauungscharakter für den in Alling offenkundig unterentwickelten Tertiären Sektor?
Und vielleicht findet sich ja auch im Landesjagdverband Bayern jemand, der die Lage der Dinge sachlich und sachgerecht beurteilt und nicht versucht, unterhalb der Niveau-Latte der Deutschen Jagdzeitung auch noch Limbo zu tanzen.
27. September 2012 um 16:09 Uhr
Da wusste ich doch, dass zu dieser Gemeinde hier schon mal was geschrieben wurde. Da sollen sie sich erst mal um ihr Zeug kümmern.
http://www.merkur-online.de/lokales/landkreis-fuerstenfeldbruck/freistaat-verbietet-allings-flagge-2522399.html