Dienstag, 26. August 2008
Geocaching im Sommerschlussverkauf
Dass eines der bekanntesten Bücher über Geocaching inzwischen auf dem Grabbeltisch gelandet ist, beschreibt den Stand der Dinge in Sachen Geocaching schon ganz gut. Dass es dort von einer Stilfibel für Männer und der erfundenen Autobiographie des Heiratsschwindlers Rodriguez Faszanatas (alias Helge Schneider) umgeben ist, kennzeichnet den aktuellen Trend: Ohne Stil, albern, verlogen. Kaum dass die großen Ferien vorüber sind, hat eine umfangreiche Neubedosung eingesetzt, die vor nichts halt zu machen scheint. Vorläufiger Höhepunkt: Die Bedosung eines Baumes in knapp 10 Metern Höhe im Heuckenlock.
Nun kann man ja über Baumklettercaches geteilter Meinung sein. Ich persönlich weiß nicht, wo der Reiz dabei ist, auf Bäume zu klettern. Hat man es einmal gemacht, genügt es eigentlich. Der Grad an Originalität lässt sich durch Wiederholung nicht steigern, im Gegenteil. Aber auch hier greift natürlich NDRs Individualitätsformel: Jeder so, wie er es mag.
Bei besagtem Klettercache darf es aber eigentlich keine zwei Meinungen geben. Denn er befindet sich mitten in einem Naturschutzgebiet. Zwar gab es auch hier in der Vergangenheit bereits einen Cache. Dieser war allerdings magnetisch unter einem Metallsteg über den Hauptpriel des Heuckenlocks befestigt, so dass der Weg nicht verlassen werden musste und jegliche Beeinträchtigung der sensiblen Flora und Fauna ausgeschlossen war.
Inzwischen hat ein weiterer Cacher den Final eines Rätselcaches hier deponiert. Hinzu kam vor wenigen Tagen besagter T5-Klettercache in einem der ältesten Bäume des geschützten Gebiets. Die Flatterulmen hier haben das große Ulmensterben Ende des 20. Jahrhunderts überlebt. Der älteste Baum ist ca. 400 Jahre alt und hat einen Stammdurchmesser von über vier Metern.
Das Heuckenlock ist ein Süßwasserwatt und umschließt einen der letzten Tideauenwälder Europas. Weil es außerhalb der Hochwasserschutzanlagen Hamburgs liegt, wird es ungefähr hundertmal pro Jahr überflutet. Es ist das artenreichste Naturschutzgebiet im Hamburger Raum. Und aufgrund seiner besonderen Lage zwischen Fluss und Land ein wichtiges Refugium für viele Pflanzen- und Tierarten, die anderswo durch Kultivierung der Landschaft längst verdrängt sind.
Unabhängig davon, dass das Hamburgische Naturschutzgesetz alle Handlungen, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Naturschutzgebietes oder seiner Bestandteile oder zu einer nachhaltigen Störung führen können (§ 16 (2)), allgemein unter Strafe stellt und im Besonderen das Besteigen von Bäumen in Naturschutzgebieten in der Zeit vom 1. Februar bis zum 30. September verbietet (§ 26 (1)) und dafür Geldbußen bis zu 10.000 bzw. 50.000 Euro auslobt, sollte es für jeden aufgeklärten Bürger eine Selbstverständlichkeit sein, die Natur wenigstens dort gänzlich in Ruhe zu lassen, wo ihr die zuständigen staatlichen Stellen einen Raum dafür eingeräumt haben. Naturschutzgebiete werden angelegt, um den Zivilisationsdruck von Flora und Fauna zu nehmen oder auf das unumgängliche Maß zu reduzieren. Ein Baumcache ist dazu (auch wenn kein Tier sichtbar darauf, darin oder daran nistet — wer weiß denn, ob das so bleibt?) bestimmt nicht geeignet.
So verwundert es doch sehr, dass die Guidelines von geocaching.com zwar davon sprechen, dass solche Caches in Schutzgebieten kurzfristig archiviert werden, und auch die deutschen Reviewer haben dies in der Übersetzung der Guidelines auf die Situation in Deutschland übertragen. Geschehen ist jedoch bislang nichts. Dabei hätte dieser Cache gar nicht erst das Review passieren dürfen. Denn selbst dem Ortsfremden offenbart sich beim ersten Blick auf die eingebundene Google-Karte im Listing, dass der Cache in einem Naturschutzgebiet liegt.
Mein SBA-Log blieb sowohl seitens der Reviewer als auch des Owners unbeachtet. Stattdessen fühlte sich der eine oder andere Mitcacher aufgerufen, mich per E-Mail oder Note-Log ansaugen zu müssen. „Unfair“ war eines der Attribute, mit denen ich belegt wurde. Als „Moralapostel gegen Klettercaches“ wurde ich bezeichnet. „Völlig haltlos und unberechtigt“ sei mein Antrag auf Archivierung.
Ein „aufklärender Kommentar zum LostPlace Mitten in der Stadt, wo die Cacher zu einer Straftat, wie Hausfriedenbruch ja geradezu aufgefordert werden“ (Schreibfehler im Original), wurde verlangt.
Bitte sehr: Hausfriedensbruch ist kein Offizialdelikt, sondern wird nur auf Antrag verfolgt. Und solange der Inhaber des Hausrechts einer Liegenschaft einem unerwünschten Besucher nicht ausdrücklich erklärt, dass dieser das Grundstück nicht betreten darf, liegt noch nicht mal ein Fall von unbefugtem Betreten vor. Zu Hausfriedensbruch wird es ohnehin erst, wenn der Besucher sich weigert, der Aufforderung nachzukommen, das Grundstück zu verlassen. Und behördlich verfolgt schließlich erst dann, wenn der Eigentümer bei der Staatsanwaltschaft Strafantrag stellt.
Verglichen mit dem Verstoß gegen Umwelt- und Naturschutzrecht gibt es aber noch einen — ganz entscheidenden — Unterschied zwischen einem Lost-Place-Cache und einem Cache in einem Naturschutzgebiet: Entsteht im ersten Fall ein Schaden, trifft dieser nur den Cacher selber. Eine Störung oder Schädigung der Natur hingegen trifft viele. Einen solchen Cache zu legen oder zu suchen könnte also als gesellschaftsfeindlich — antisozial — bezeichnet werden. Auf jeden Fall ist ein Klettercache in einem Naturschutzgebiet wohl kaum dazu geeignet, das Image der Geocacher in der öffentlichen Wahrnehmung zu steigern. In unserer Gesellschaft demonstrieren wir gegen Kraftwerksbauten oder gegen Startbahnverlängerungen, gegen Eisenbahntrassen oder gegen den Bau neuer Autobahnen. Und wir beschäftigen rund um die Uhr Zivildienstleistende damit, die Brutplätze von seltenen Vögeln zu bewachen. Aber wehe, wenn der persönliche Spaßfaktor vor dem Schutz der Natur mal zurücktreten soll. Wer das verlangt, völlig haltlos und unberechtigt, ist Spielverderber, nur neidisch, ein Moralapostel. Zumindest in den Augen der Nixchecker und anonymen Sockenpuppen. Denn ich will nicht unerwähnt lassen, dass es durchaus auch positives Feedback auf mein SBA-Log gab. Leider aber nur sehr wenig. Trotzdem danke dafür!